Narzisstischen Missbrauch erkennen - Interview mit Jessica von Herzbooster

Ein psychischer Missbrauch kommt auf leisen Sohlen daher.

Wir verstehen erst spät, was mit uns passiert und fühlen uns gelähmt und vernebelt.


In toxischen Beziehungen am Arbeitsplatz, der Familie oder in der Liebe werden wir an unsere Wunden aus der Kindheit erinnert. Und reagieren genau deshalb oft nicht mit Grenzsetzung und Vorsicht.


Oft bestehen Abhängigkeiten (Arbeitsplatz, Kinder, Finanzen), die uns Warnsignale, sog. red flags, übersehen lassen.

Viele fragen sich nach einer Zeit des Missbrauchs, ob sie selbst eine Störung haben.


Ich habe selbst mehrfach narzisstischen Missbrauch erfahren und es viel zu spät gemerkt.

In beruflichen Beziehungen wie auch in Liebesbeziehungen. Wochenlanges Grübeln, neu bewerten und verstehen folgten.

Als ich erstmals davon las, dass es sowas gibt, wurde mir schlagartig alles klar - ich bin psychisch missbraucht worden.


Ich hatte lange keinen Namen dafür und es fiel mir wie Schuppen von den Augen, als ich auf Artikel und Videos zum Thema narzisstischer Missbrauch stieß.


Mit Jessica, die sich als Psychologin auf das Thema Narzissmus und toxische Beziehungen spezialisiert hat, habe ich ein langes Interview über diese Persönlichkeitsstörung geführt.


Der zweite Teil dreht sich nun um den konkreten Missbrauch und wie man diesen erkennt.


Den ersten Teil über die Entstehung von Narzissmus und wie man ihn erkennt, kannst du hier nachlesen.


Achte in deinem Umfeld genau darauf, welche Signale du von Menschen bekommst, an die dich dieser Artikel erinnert und reagiere besonnen, aber bestimmt darauf.


Triggerwarnung: Im folgenden Interview geht um um Narzissmus und narzisstischen Missbrauch. Bei Problemen wende dich bitte an eine psychologische Beratungsstelle, deine*n Arzt/Ärztin - oder an Jessica direkt. Ihre Kontaktdaten sind am Ende des Interviews verlinkt.



Woran erkennt man narzisstischen Missbrauch?


In engeren Beziehungen gibt es einen narzisstischen Zirkel aus Idealisierung, Kritik und Abschuss, der ggf. in mehreren Zyklen abläuft.


Zu Beginn können Narzissten sehr charmant und gewinnbringend auftreten, man fühlt sich besonders „gesehen“ und gemocht/ geliebt, wenn sie sich der kognitiven Empathie bedienen.

Auf den zweiten Blick jedoch kann die Euphorie schnell der Ernüchterung weichen, wenn man feststellt, dass das Gegenüber im Grunde doch nur ignorant um sich selbst kreist und dass Interesse und Mitgefühl nur vorgetäuscht waren, um selbst etwas zu bekommen.


Die Liebesbekundungen werden weniger und mit Abwertungen vermischt, ein unsicheres, mulmiges Gefühl stellt sich ein, verzweifelt wünscht man sich die Person vom Anfang zurück, die man ggf. sogar als “ Seelenpartner“ wahrgenommen hat.


Das Podest auf das man gehoben wurde, wird zunächst Stück für Stück, dann sehr plötzlich und barsch umgeworfen, Verneblungen kommen hinzu und man bleibt verwirrt zurück.


Dann ist der Abschuss meist nicht weit und der Narzisst hat sich bereits einen oder mehrere weitere Zufuhrquellen gesichert.


Verfügt die neue Quelle jedoch nicht ausreichend über die gerade benötigten Qualitäten oder der Narzisst hängt aus anderen Gründen noch an einer vorherigen Zufuhrquelle, bedient er sich ggf. des „Hooverings“.


Das heißt, er versucht die ursprüngliche Quelle durch erneutes Lovebombing zurück zu saugen

oder auf Sparflamme im Orbit zu halten.


Dieser Kreislauf kann sich mehrfach wiederholen.


Was versteht man unter Lovebombing und Gaslighting?


Beides sind Manipulationsstrategien, die eingesetzt werden um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen bzw. etwas unterzujubeln.


Beim Lovebombing wird das Gegenüber in den Himmel gehoben und mit Aufmerksamkeit und Zuneigungsbekundungen regelrecht überschüttet.

Wir alle neigen ein wenig dazu, wenn wir uns zum Beispiel verlieben, was als Einzelsymptom auch nicht das problematischste ist. Es muss auch nicht immer nur pure Berechnung sein, sondern kann in Teilen auch mit wahrer Begeisterung versehen sein.


Diese kann beim Narzissten jedoch schnell abflauen und sich ins Gegenteil verkehren, wenn der Partner nicht wie gewünscht „abliefert“ und /oder Kränkungen auslöst.


Es geht um ein Muster und das kann bei narzisstischen Menschen jede Verhältnismäßigkeit sprengen.


Typisch sind zum Beispiel pompöse Geschenke oder Reisen, sehr früh im Kennenlernprozess, um sich den Partner erstmal zu sichern.


Nicht selten geschieht Lovebombing kombiniert mit weiteren Manipulationen wie “Future Faking“, also falschen Versprechungen für die Zukunft oder “Fast Forwarding“, also schnellem Vorantreiben/Vorspulen der Beziehung.


Man ist sich gerade erst begegnet, plötzlich schon halb verlobt und Zusammenziehen und Familienplanung rücken beispielsweise in den Vordergrund.


Und hier liegt eben die Gefahr , denn je höher man katapultiert wird, desto tiefer kann man in den Abgrund stürzen, wenn die Entwertungsphase beginnt.



Gaslighting stellt eine der destruktivsten und niederträchtigsten Strategien aus dem Arsenal eines Narzissten dar, weil es die eigene Wahrnehmungsfähigkeit nachhaltig vernebeln und ausschalten kann.

Man verliert sich regelrecht selbst, durchschaut man diese Vorgehensweise nicht, und genau darum geht es auch: das Gegenüber soll sukzessive sein Gedächtnis, seine Wahrnehmung, seine geistige Gesundheit in Zweifel ziehen.


Zum Beispiel wird nach Gesprächen felsenfest behauptet, dass etwas Bestimmtes nie gesagt oder getan wurde. Und dies, obwohl das Gegenüber es im Grunde genau erinnert oder dies sogar belegen kann.


Mitunter wird sich auch dumm gestellt, eine sehr passiv aggressive Variante, in der der narzisstische Part vorgibt, nicht zu wissen wovon der Andere spricht.

Diese Strategie wird mit Vorliebe auch dann verwendet wenn man beim Narzissten etwas aufdeckt und ihn/sie damit konfrontiert.

Mit dem Rücken an der Wand und gleichzeitig einer ordentlichen Portion Dreistigkeit wird der Andere dann für verrückt erklärt: er/sie fantasiere oder habe alles falsch verstanden.


Mit dieser Taktik entzieht sich der narzisstische Mensch wieder einmal der Verantwortung, die praktisch nie übernommen wird, ganz gleich wie sehr er/sie aus dem Ruder gelaufen sein mag.


Es gibt immer Argumente, weshalb der Andere letztlich die Schuld und Verantwortung zu tragen hat.



Hast du einen Tipp, wie man Narzissten besonders schnell erkennt? Was ist so gefährlich daran?


Ja, meinen Kanal schauen 😉


Es gibt keine Garantie, aber gewisse Indizien auf die man achten kann.


Unbedingt in sich hinein spüren und sich fragen, was das Gegenüber in einem auslöst.

Rückblickend sagen fast alle, dass sie ein ungutes Bauchgefühl verspürten, jedoch darüber hinweggingen, weil sie von der narzisstischen Person so angezogen waren.


Sich Zeit lassen ist auch ein wichtiger Tipp, denn durch Geschwindigkeit kann vieles überdeckt werden und es braucht einige Zeit, jemanden wirklich kennenzulernen.


Beim Gegenüber können gewisse nonverbale Signale wie kalter, starrer Blick (vermehrt aus der Ferne wie ein Raubtier seine Beute fixiert) oder ein hämisches, unpassendes Grinsen in bestimmten Momenten ein erster Anhaltspunkt sein.


Narzissten pendeln aufgrund ihrer eigenen Bindungsthemen sowie dem unstillbaren Hunger nach Aufmerksamkeit und Bewunderung stark zwischen Misstrauen auf der einen und Idealisierung des Gegenübers auf der anderen Seite.

Wenn sie an seinem neuen Menschen etwas fasziniert bzw. sich etwas von ihm/ ihr Versprechen.


Dieses von Inkonsistenz geprägte Nähe- Distanz Spiel kann sich in Verbindung mit ggf. zunächst leiser Überheblichkeit recht schnell zeigen und sollte bei Beobachtung als Warnsignal eingeordnet werden.


Möglich sind außerdem mehr oder weniger subtile Prahlereien über bisher erzielte Erfolge oder finanzielle Mittel.

Prestige und Selbstdarstellung spielen eine große Rolle, und können aufgrund des fragilen Selbst schnell mit indirekten Entwertungen des Gegenübers gepaart sein.


Ein Klassiker gerne auch Berichte über viele Neider, die dem Narzissten schaden wollen weil sie ihm den Ruhm etc. nicht gönnen (meist eine Teilprojektion).

Berichtet man von Krankheiten oder Schicksalsschlägen wird man nicht auf echte Empathie treffen, hier muss man aber wie immer das Bauchgefühl mit einschalten und beachten!!!


Gerade gewiefte Kandidaten können Mitgefühl zunächst glaubhaft vorspielen, aber man wird etwas spüren, dass etwas fehlt wenn man darauf achtet!


Folgen zusätzliche „Sanktionsmaßnahmen“ wie die Schweigebehandlung, Entzug von Aufmerksamkeit und Zuwendung als Strafe und/oder vernebelndes Absprechen der eigenen Wahrnehmung, hat man es zumindest einmal mit einem Manipulator zu tun und sollte sich ggf. möglichst schnell auf Abstand begeben.


Problematisch ist, dass Narzissten einerseits dazu neigen, stets unverbindlich zu bleiben, andererseits ihre Partner in Abhängigkeiten einzuweben, weil sie so stark auf die Zufuhr angewiesen sind.

Dieses Vorgehen, in Kombination mit den weiteren Manipulationsstrategien, kann die Partner vollständig verrückt machen, ihren Selbstwert stark beeinträchtigen sowie nachhaltig zersetzend auf deren Psyche einwirken.


Handelt es sich um Arbeitskollegen oder Familienmitglieder bei denen man nicht von 0 auf 100 den Kontakt abbrechen kann bzw. möchte, gibt es bestimmte Methoden wie zum Beispiel die Grey Rock Methode, in der man möglichst neutral die Machenschaften an sich abprallen lässt, ohne dem Narzissten eine emotionale Reaktion zu liefern, die sie so gerne in anderen auslösen wollen.

Jedoch sind diese und weitere Methoden eher für vorübergehende Anlässe geeignet und dienen meist nicht als dauerhafte Lösung.


Ob man den Kontakt reduziert, abbricht oder nicht ist eine sehr persönliche Fragestellung und hängt von vielen Faktoren wie zum Beispiel Konstellation der Beziehung, Ausprägung der Störung, Dosis der Berührungspunkte und eigener psychischer Konstitution ab.


Spürt man jedoch nachhaltig Unbehagen vor / bei jedem Treffen und sieht sich nachhaltig von den Abwertungen und Manipulationen beeinträchtigt, gibt es langfristig meist kaum eine Alternative.



Eine in der Persönlichkeitsentwicklung häufig anzutreffende Form von Narzissmus sind spirituelle Narzist*innen, diese Videos tauchen tiefer in die Thematik ein.




Gibt es das Gute im Narzissmus?


Das hängt maßgeblich vom Exemplar ab.


Manche sind einfach sehr dunkel, zerstörerisch und ziehen eine Spur der Verwüstung hinter sich her.


Andere suchen letztlich auch nur die Liebe und ein Ankommen im Leben, setzen aber aufgrund ihres Naturells Anderen nachhaltig zu.


Was man auf jeden Fall zugestehen muss ist, dass es einige Narzissten gibt,

die in ihrem Fachgebiet herausragende Leistungen erbringen,

zum Beispiel großartige Bücher schreiben, um die Welt gesellschaftskritisch wachzurütteln,

Wissen weitergeben usw. nur eben im Zwischenmenschlichen mit Vorsicht zu genießen sind.


Doch auch in schmerzhaften Beziehungs-Dynamiken können sie zum Teil einen unangenehmen aber wichtigen Dienst erweisen.


Sie zeigen als eine Art Spiegel ungeheilte (Kindheits-) Wunden und ungünstige Anziehungspunkte in uns auf, die wir noch bearbeiten dürfen.


Welche Entwicklungen in der Narzissmusdebatte siehst du kritisch oder kontraproduktiv?


In der Narzissmusdebatte gibt es meines Erachtens zwei Probleme, die man sich bewusst machen und im Hinterkopf behalten sollte:

die inflationäre Begriffsnutzung und die einseitige Schuldzuweisung.


1. Der inflationäre Gebrauch dieses klinischen Begriffs führt die Diskussion in die Absurdität und nimmt ihr die Trennschärfe. Wenn ein jeder ein Narzisst ist, der sich nicht den Erwartungen entsprechend verhält.

2. Exakt diesen Effekt machen sich aber die gerissenen Kandidaten, vorwiegend in der Therapie- und Persönlichkeitsentwicklungszene zu Nutze, um unter anderem jegliche Kritik an ihrem Vorgehen als Schwarz- Weiss- Malerei etc. abzutun.

Oder es wird pauschal verleugnet, dass das Problem in der Interaktion mit narzisstischen Menschen überhaupt existiere.


Wenn einen das Verhalten jener Konsorten „antriggert“ habe das eben nur mit einem selbst zu tun, was natürlich zu einem Anteil stimmt, den Sachverhalt in Gänze aber stark vereinfacht und meines Erachtens eindeutig eine Form kollektiven Gaslightings darstellt.

Diese Art der Argumentation schmettert jedes kritische Hinterfragen ab und legitimiert auch das missbräuchlichste Verhalten.




Liebe Jessica, danke für die spannenden Einblicke in deinen Wissenschatz rund um toxische Beziehungen und Narzissmus. Diese Aufklärung ist heute wichtige denn je!

Zum Abschluss habe ich wie für alle, die ich interviewe noch eine schnelle Runde, bitte vervollständige bitte diese Sätze:



Erfolg bedeutet für mich … nach Rückschlägen wieder aufzustehen und zu tun was man liebt.

Gute Entscheidungen treffe ich … nicht so leicht aber aus dem Bauch heraus

In stressigen Zeiten finde ich Balance in … Sport, Yoga, Meditation, Natur


Um einen Perspektivwechsel vorzunehmen … wechsle ich den Ort oder tausche mich mit einem vertrauten Menschen aus.

Meine größte Leidenschaft sind … Tiere, Natur, Musik, Filme, Bücher und gute Gespräche

Im ersten Teil des Interviews mit Jessica sprechen wir über die Ursprünge von Narzisstischer Persönlichkeitsstörung.



Mehr zu Jessica gibt es auf ihrem Youtube Kanal und ihrer Website.

TATSINN ist eine One Woman Show aus Berlin für mentale und emotionale Transformation. Für Mensch & Unternehmen.

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