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Der Unterschied zwischen „Where I fit in“ und „Where I belong" Interview mit Steffen Frischat

Aktualisiert: 27. Jan 2019


Wohin der nächste berufliche Schritt geht, sollte keine reine Bauchentscheidung sein. Genauso wenig eine rein rationale. Eigene Werte und Entwicklungschancen zu reflektieren hilft dabei, sich gezielt bei Unternehmen und auf Positionen zu bewerben, die uns glücklich machen.

"I am not a product of my circumstances. I am a product of my decisions." Stephen Covey

Viele meiner Klient*innen wissen intuitiv, dass eine berufliche Veränderung bevorsteht und wünschen sich eine Begleitung durch mich, die mehr Klarheit verschafft, wohin die Reise gehen kann.

Die ehrliche Betrachtung der eigenen Werte, Ängste und Entwicklungskurven macht es möglich, herauszustellen, welche Art von Unternehmung zu einem selbst passt. Das Heft dabei selbst in die Hand zu nehmen das zu definieren, macht es auch leichter, Stellenangebote kritisch zu prüfen. Und nein zu sagen zu etwas, was nicht (mehr) zu uns passt. Vor einiger Zeit habe ich den "Work Choice Canvas" in meinen Methodenkoffer aufgenommen - eine Hilfe zur Reflexion, was man wirklich in beruflicher Hinsicht möchte. Auf der Basis von 5 Themenfeldern beleuchtet man kritisch, was man wirklich will und hält das fest.

Die Klarheit und Einfachheit des Modells hat mich enorm inspiriert.

Den Entwickler vom Work Choice Canvas Steffen Frischat habe ich vor einiger Zeit durch Ashoka bei der Google Impact Challenge kennengelernt, bei der wir beide die Gewinner-Teams als Coaches begleitet haben.

Im Interview war ich neugierig, welche Stationen Steffen selbst genommen hat, bis er wusste, wo genau sein beruflicher Platz in dieser Welt ist.


Steffen, wie schön, dass du dir Zeit nimmst!

Erzähl' mal - wer bist du & was machst du?


Steffen, 51 Jahre, nach einigen Stationen jetzt bei dwarfs & Giants, einem Organisational Lab. Wir arbeiten, um die Zukunft von Organisation neu zu schreiben.

Das heißt wir wirken bei unseren Kunden als „Katalysator“ für kulturelle Veränderung. Und wir entwickeln Mindset und Methoden „am eigenen Leib“ ... das ist der Lab-Charakter an dwarfs & Giants.


Meiner Auffassung nach ist Arbeit ein sehr wichtiger Weg, als Mensch in die Welt zu gehen.

Sich auszudrücken und miteinander in Beziehung zu setzen.

Wenn wir in der Arbeit aber nicht irgendeine Theatervorstellung abliefern, sondern unser Bestes einbringen, wollen – unsere Kreativität und Produktivität, und unsere Persönlichkeit – dann braucht es Organisationen, die das einladen und damit umgehen können.



Wie oft hast du den Job in deinem Leben gewechselt? Welche Wechselmotivation hat dich meistens angetrieben? Haben sich diese Treiber im Laufe der Zeit verändert?


Oh. Das ist ein großes Thema! Ich habe mehrere Pivots Lebenslauf – Punkte, an denen ich die Richtung geändert und das, was ich kann, in einen ganz neuen Zusammenhang gebracht habe.

Am Anfang war ich, glaub ich, eher fremdbestimmt; ich wollte Physikprofessor werden, weil mein Vater einer war. Und ich eigentlich nichts Anderes kannte als das Uni-Umfeld.


Durch ein Praktikum habe ich dann „die Wirtschaft“ kennengelernt, und da gab es einfach viele spannende Möglichkeiten. Ich kannte mich nicht wirklich aus, aber ich wollte wichtig sein. Vielleicht ist es mir deswegen stark um Anerkennung gegangen.

Wenn mir jemand gesagt hat: „Wir gründen hier was ne tolle neue Firma! Es gibt Geld, Ruhm und Ehre! Und Sie werden Vorstand!“, dann war ich dabei. Wüsste jedenfalls nicht, was mich sonst dazu bewegt hätte, zehn Jahre in der IT-Sicherheits-Branche zu verbringen ;-)


Obwohl, stimmt so nicht ganz, ich hatte klasse Kollegen dort. Mir waren schon immer die Leute sehr wichtig, mit denen ich gearbeitet habe. Ich musste die gut finden und mit ihnen eine persönliche Ebene finden können.


Vor zehn Jahren hatte ich über Ashoka (NGO für Social Entrepreneurship) ersten Kontakt zu Sozialunternehmern. Die haben mir wahnsinnig imponiert mit ihrem Engagement und ihrer Klarheit für eine gesellschaftliche Veränderung. Damit stand die Frage auch für mich im Raum: Welche Wirkung will ich in der Welt haben?!


Also war der nächste Wechsel dran ... als nächstes habe ich acht Jahre im Klimaschutz verbracht, mit Energieeffizienz und nachhaltigen Energieangeboten.

Erst als ganz kleine Firma, dann als Innovationsbereich bei einem nachhaltig aufgestellten Energieversorger, mit zwei tollen Teams.


Trotzdem kam dann nochmal ein Shift.

Vor allem durch ein halbes Jahr intensive Arbeit mit Ashoka, Buurtzorg und anderen.


Mir wurde klar, was der „rote Faden“ in meinem Lebenslauf ist – trotz aller Wechsel: Ich hatte in allen Stationen innerhalb größerer Firmen neue, agile Bereiche und Teams aufgebaut. Das waren Bereiche, die „anders ticken“ UND ein gutes Verhältnis zum großen Geschäft hinbekommen. Im Kern war das eine kulturelle Aufgabe: Die gute DNA einer Firma in einer neuen Weise zum Leben erwecken.

Ich hab noch ne Zeit auf der Frage gekaut, ob ich das operativ machen will, das heißt: ob ich den nächsten innovativen Bereich aufbaue.

Aber meine Entscheidung war, das sozusagen „zu destillieren“ und mich ganz auf das Kulturthema zu fokussieren. Und auch sehr klar zu werden, in welcher Art von Organisation ich selbst arbeiten will.

Ich wollte unbedingt raus aus den fixen Hierarchien, mit all ihren Risiken und Nebenwirkungen.


Waren da nicht auch Zweifel im Spiel?


Total. Einige meiner Freunde haben vor 20 Jahren eine Firma gegründet und sind mit der super erfolgreich, in ihrer Firma geschätzt, haben einfach was Tolles hingestellt.

Ich mit meinen ganzen Wechseln hab mich schon mal gefühlt, als würd ich nichts „gebacken kriegen“. Mein innerer Dialog war manchmal sehr geringschätzend.


Irgendwann sagte eine Freundin dann mal: „Steffen, es braucht beides in der Welt: Blumen und Bienen“. Dafür bin ich ihr heute noch sehr dankbar, weil ich in diesem Bild erst gesehen habe, welchen Wert es hat, wenn jemand viel gesehen hat und viel „mitbringen“ kann.

Und dass das nur geht, wenn man zwischendurch immer wieder den Mut hat, weiterzuziehen.



Du hast den “Work Choice Canvas” entwickelt - wie kam es dazu?


Bildquelle: Girl Gone International, Jan 2019

Für mich war es ein langer Weg, den Unterschied zu spüren zwischen „where I fit in“ und „where I belong“.

Ich habe das besonders gemerkt, als ich den letzten Pivot gemacht habe.

Eigentlich lief’s ja super mit dem Thema Energie und Nachhaltigkeit! Als klar wurde, dass ich mich verändern werde, kamen echt spannende Möglichkeiten rein ... Möglichkeiten, nach denen ich mir Jahre zuvor noch die Finger geschleckt hätte. Und gleichzeitig musste ich sagen "Nein, das passt nicht mehr für mich."


Woher sollte ich die Klarheit nehmen, mich gegen solche Möglichkeiten zu entscheiden?

Und gleichzeitig - ich bin überhaupt kein Fan von just follow your passion.


Wie könnte ich also irgendeine „Sicherheit“ entwickeln, dass ich nicht was total Doofes anfange, vielleicht romantisch verbrämt, nur weil das Gras beim Nachbarn immer grüner aussieht als im eigenen Garten?

Ich bin da nicht wirklich vorangekommen und war wie gelähmt vom Gedanken-Karussel.

Bis ich dann den „Schritt zurück“ gemacht hab und für klargemacht habe, welches die für mich (zur Zeit) relevanten Entscheidungs-Parameter sind: der Beitrag in der Welt, das Können und Lernen, die Leute um mich herum, und auch: wie ich davon lebe, und wie ich damit lebe. Und wie ich diese Faktoren balancieren will. Dadurch haben sich die Fragen verändert, die ich mir stelle – und damit sind die Antworten klarer, und für mich verlässlicher, geworden.


Wie wendest du ihn selbst und bei anderen an? 


Work Choice Canvas

Nun passt meine Ist-Situation sehr gut zusammen mit den Fragen, die ich mir gestellt habe.

Per Design. Ich guck trotzdem so einmal im Jahr, was sich verändert hat – bei den Fragen wie bei den Antworten, und daraus können sich größere Themen ergeben. („Epics“ würden die agilen Leute dazu sagen.)

Ich nutze ihn viel im Mentoring. Leute kommen und sagen zu mir "Du hast doch diese Shifts gemacht – wie ist das gelungen?" Da gibt der Canvas eine echt gute Struktur für Gespräche.

Er hilft total beim Entwirren der typischen „Gedankenknäuel“, die man in solchen Situationen halt entwickelt. Seit der Canvas auf Medium veröffentlicht ist und die Mentees ihn kennen, haben die Gespräche nochmal eine ganz andere Qualität bekommen. Das ist einfach total beglückend zu spüren.



Vervollständige bitte folgende Sätze


Beruflicher Erfolg...

fühlt sich heute sooo anders an als früher. Heute freue ich mich mit ganzem Herzen über Erfolge.

Gute Entscheidungen treffe ich...

langsam.

In stressigen Zeiten finde ich Balance...

beim Trompetespielen. Die Musik ist eine ganz große Liebe in meinem Leben.


Um einen Perspektivenwechsel vorzunehmen…

spreche ich mit Leuten, denen ich vertraue.


Meine größte Leidenschaft...

ist der Austausch mit Leuten, die in ganz anderen Welten leben. Wenn wir dann rausfinden, was das jeweils Wesentliche ist, und wo man verbunden ist. Mein Freundeskreis ist total bunt, einmal quer durch den Garten.


Steffen - danke für Zeit, Offenheit und natürlich den Work Choice Canvas, der uns alle ein Stück näher zum richtigen Wirken am richtigen Ort bringen kann. Mehr zu Steffen, seiner Arbeit und seinem Lebensweg findest du hier: https://www.linkedin.com/in/steffenfrischat/



TATSINN ist ganzheitliche Begleitung & Consulting für Mensch & Unternehmen. Perspektivwechsel und Entscheidungshilfe. In Berlin & weltweit per Skype mit der Potentialentwicklerin Ann-Carolin Helmreich.

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