Kolumne für Intros: 1,5 Meter Freiheit

Aktualisiert: Apr 17

Ungläubig stehe ich zu Beginn der Pandemie im Supermarkt vor ordentlich

auf den Boden geklebtem Social Distancing Tape.

Ich hab nachgeschaut. So nennt Amazon das. “Bitte 1,5m Abstand halten“ steht da drauf.

Gar kein Problem.

Sehr gerne.

Tränen steigen mir in die Augen.

Leute wie ich haben eine ganz kurze Tränenpipeline.


„ Herr Rewe", flehe ich innerlich: "Kann das bitte immer so bleiben? Und vielen Dank, ich kaufe gerne wieder hier ein!“ Gleichzeitig ahne ich, dass die meisten Menschen in dem Laden jetzt große Schwierigkeiten haben, weil ihnen das unkontrollierte "Anderen in den Nacken atmen" oder wahlweise

"mit dem Wagen in den Hacken kacheln“ nun offiziell verboten wurde.


Ich fühle mich als hätte ich den Superbowl gewonnen. Oder vielleicht doch eher so wie sich meine Tochter fühlt, wenn sie bei ihrer Oma Buletten essen durfte und ich als ordentliche Vegetarierin nichts dagegen tun kann. Wenn Oma das erlaubt, dann darf sie das.


The Supremes trällern niedlich pathetisch: “Stop in the Name of Love!“ durch meine Kopfhörer.

Ohne Musik kann ich nicht einkaufen gehen.

Und sowieso nie am Wochenende.

Unter der Woche sneaken mit ein bisschen Glück nur Einzelkämpfer durch die Gänge.

Die kriegen dann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit narkoleptische Anfälle genau vor der scheiß Butter, die ich unbedingt einkaufen muss, oder dann eben doch nicht mehr einkaufen kann.

Dann eben keine Butter für den Rest der Woche. Für die aber auch nich. Wenn sie nämlich wieder aufwachen vor dem Regal, fällt ihnen ein, dass sie gar keine Butter essen, sondern Margarine.

Richtige Margarinemenschen sind das. Pfui Spinne.

Am Wochenende kommen sie im Rudel. Mutti, Vati und 1,57 quengelnde Kinder.

Da kann ich auch mit Musik nicht mal mehr regelmäßig ein- und ausatmen, geschweige denn den Einkaufszettel abarbeiten.

Es fühlt sich an, als würde mich das alles anspringen und an mir kleben bleiben.

Muttis abfällige Bemerkungen gegenüber Vati, der ihrer Meinung nach zu blöd ist, die richtige Wurst zu finden. Vati der spätestens nach 5 Minuten ohne es zu ahnen mieses Karma weitergibt und die Kinder anpöbelt: „Jetzt reicht‘s aber, hör uff hab ick jesacht. Komm HIER her! Du kriegst sonst kein Eis, Chips und all die andere Scheiße mit der wir dich belohnen, wenn du ordentlich spurst.“

Die spuren nicht, denk‘ ich. Na sowas. Warum auch? Hast du dir mal zugehört? Nee. Ich aber!